Anmut, die Riesin

Vor zahlreichen Monden ereignete es sich, dass ein König seine Reise zu den Gebirgen seines Landes unternahm. Von Starrsinn und Übermut geleitet, trennte er sich von seinem Gefolge und meinte, den gefährlichen Pfad alleine meistern zu können.
Die Seele des Berges war erzürnt von so viel Unverfrorenheit. Sie schickte ihre schlimmste Witterung, auf dass sie die Reise des dreisten Mannes erschwerte. Der König geriet in den Schneesturm und zitterte vor Kälte, aber er gab es nicht zu, dass sein Vorhaben zum Scheitern verurteilt war. Sein Ziel lautete, den höchsten Berg zu erklimmen, für den Ruhm und die Ehre und vielleicht, um ein paar Sterne vom Himmel zu ergattern, um sie sich auf seine Krone zu setzen. Der Gedanke an den Sieg über sein eigenes Land, vernebelte seine Sinne und die weißen Flocken taten ihr Übriges.
So geriet der König an den Rand des gefährlichen Bergpfads und verlor den Halt. Nur mit einer Hand hielt er sich davon ab, in die tödliche Tiefe zu stürzen. Zu seiner eigenen Schande schrie er um Hilfe, ungehört von seinen uneingeweihten Dienern, die am Fuße des Gebirges ihr Lager aufgeschlagen hatten. Die Seele des Berges sorgte dafür, dass der Wind brav in die falsche Richtung wehte und des Königs Gebrüll der Angst in das Bergland davon trug. Womit sie aber nicht gerechnet hatte, war ein zu der Zeit schlafendes Wesen. Ihre Freundin, die Riesin Anmut, die durch diesen Hilferuf geweckt wurde, schlug die Augen auf.
Da sie eine gutherzige Riesin war und niemandem gewollt ein Leid zufügte, konnte sie sich nicht über diesen Laut hinwegsetzen und erhob sich aus ihrem tagelangem Schlummer - denn Riesen schliefen bekanntlich länger als Menschen.
Die Felsen erzitterten unter ihren weiten Schritten, als sie sich auf den Weg machte. Als der König sie erblickte, bekam er es erst mit der Angst zutun, war Anmut in seinen Augen doch eine große und unheilvolle Kreatur. Doch seine Schläue gewann den Kampf und es erschuf sich unter seiner Krone ein listiger Plan, denn er wusste, sie war seine einzige Hoffnung auf die ersehnte Rettung.
“Hilf mir, Riesin! Wenn du mich auf den Pfad zurücksetzt, mache ich dich auch zu meiner Königin!”
Anmut überlegte, denn ihr gefiel das Antlitz des ansehnlichen, kleinen Mannes. Er war so zerbrechlich in ihren Augen und sie fühlte sich gebraucht.
“Ich bin einverstanden”, waren ihre schnellen Worte und ihre gigantische und doch so weiche Hand ergriff den Körper ihres versprochenen Gemahls und setzte ihn auf den rechten Weg.
“Wann soll die Hochzeit sein?”, fragte sie sogleich.
Der König, der sein Versprechen gar leichtfertig gegeben hatte, war kein Mann der bereute und sprach:
“Warte noch, Riesin! Sobald ich das Volk auf dich vorbereitet habe, schicke ich einen Boten zu dir. Dann machst du dich mit diesem auf den Weg zum Schloss und dort werde ich auf dich warten.”
Die gutmütige Riesin ließ den König nach diesen Worten ziehen.
Die Tage zogen ins Gebirge ein.
Anmut wartete ein ganzes Jahr auf ihren versprochenen Gemahl und die Seele des Berges, die das nicht mit ansehen konnte, verhöhnte sie: “Du dumme Riesin! Du wartest vergebens auf die Nachricht deines Bräutigams! Er wird dich nie auf sein Schloss holen lassen!”
Anmut war gekränkt durch die harten Worte ihrer Freundin, kannte sie die Seele dieses Berges doch schon über Jahrhunderte. Sie fasste den Entschluss, sich ohne den Boten auf den Weg zu machen. Diese Menschen waren so kurzlebig und für einen Riesen kaum zu erfassen! Vielleicht war dem Überbringer der Nachricht auf seinem Weg etwas zugestoßen und der König wartete bereits ungeduldig!
So durchquerte sie das Land in kurzer Zeit und voller Vorfreude. Das Volk fürchtete sich vor ihren Füßen, erahnte es doch welchen Schaden es durch sie nehmen könnte.
Das bemerkte auch der König, der nun schnell eine neue Idee unter seiner Krone schmieden musste, wie er die Riesin von sich fernhalten könnte.
“Riesin!”, setzte er sein strahlendes Lächeln auf. “Da bist du ja endlich!”
Anmut war von seiner Begrüßung zu Tränen gerührt, die auf den Boden herab fielen und das Volk beinahe davon spülten.
“Doch leider fürchte ich, dass ich mein Versprechen nicht einhalten kann. Ein alter Brauch meiner Familie verlangt von mir, dass ich nur jene heirate, die dazu fähig ist, ein Meer in eine Wüste zu verwandeln!”
Und die gutmütige Riesin Anmut sprach: “Du armer König! Lass es mich versuchen!”
Der König wünschte ihr viel Glück dabei und als die Riesin sich umgedreht hatte, lachte er sie aus.
Anmut reiste ans Meer, stellte sich an den Strand und dachte nach.
Wie konnte sie ein ganzes Meer verschwinden lassen?
“Oh je, oh je,
mein Kopf tut weh.
Er nicht bärst,
wenn du nicht wärst.
Du Meer, du Meer,
vergib mir.”
Sie kam nur auf eine Lösung für ihre Aufgabe. Sie kniete sich hin, beugte ihr Haupt und begann zu trinken.
Der Zorn der See war groß und widerspenstig bemühte sie sich, besonders salzig zu sein. Als das nicht half, schlugen die Wellen besonders hoch, benetzten Anmuts Gesicht mit Algen. Aber tapfer trank die Riesin weiter.
Die ahnungslosen Fischer und die frommen Meeresbewohner wunderten sich über das Verschwinden des Wassers und als sie entdeckten, wie Anmut die See in sich aufnahm, schickten sie Boten ins Land und zu ihrem König, um Hilfe zu ersuchen.
Währenddessen leerte Anmut das Meer bis zum letzten Tropfen und betrachtete ihr Werk. Eine Wüste war entstanden, wo nichts mehr wuchs oder lebte.
Voller Freude kehrte die Riesin zurück zu ihrem König und überholte die Boten des Meeres ohne Mühe. Am Schloss verkündete sie ihrem versprochenem Gemahl die frohe Botschaft. Auch wenn er nicht erwartet hatte, sie wieder zu erblicken, war eine weitere Idee unter der Krone des Königs herangewachsen.
“Riesin”, wandte er ein. “Deine Tat ehrt mich, aber ich darf nur jene heiraten, die fähig ist, Berg zu Tal werden zu lassen.”
Anmut nahm es hin. “O du mein Liebster!”, rief die Riesin. “Lass es mich versuchen!”
“So sei es denn!”, nickte der König und beobachtete mit schiefem Lächeln, wie die Riesin erneut umdrehte und davonzog.
Anmut kehrte ins Gebirge zurück. Sie betrachtete ihr altes Zuhause und es überkamen sie Wehmut und Erinnerung. Aber kein Opfer war ihr zu groß, denn sie hatte den König liebgewonnen.
“Oh je, oh je,
mein Kopf tut weh.
Er nicht bärst,
wenn du nicht wärst.
Du Berg, du Berg,
vergib mir.”
Sie sah keinen anderen Weg. Sie musste die Felsen aufessen, damit sie verschwanden und ihre diamantenen Zähne begannen die Steine zu zermalmen.
“Was tust du da?!”, schrie die Seele des Berges. “Du verursachst größeren Schaden, als du denkst!”
“Tut mir Leid. Aber ich muss es einfach!”, antwortete die Riesin kauend. Anmut fraß weiter und nahm die Seele des Berges in sich auf. Je mehr das Gebirge schrumpfte, umso mehr konnten die wilden Winde ungehindert durch das Land fegen. Wirbelstürme plagten das Land und seine Bauern und als sie entdeckten, wer ihre schützenden Berge in der Ferne verschwinden ließ, schickten sie Boten umher und zu dem König, auf dass er ihnen half.
Wohl genährt und schwerer als je zuvor, betrachtete die Riesin ihr Werk. Das Tal war entstanden und voller Freude machte sie sich auf den Weg zurück zu ihrem versprochenem Gemahl. Sie hängte die langsamen Boten ohne Mühe ab, obwohl die Felsen in ihrem Bauch rumpelten.
Als der König Anmuts Gestalt von seinem Balkon aus erblickte, hatte sich unter seiner Krone bereits die nächste Forderung zusammengebraut.
“Ach Riesin!”, seufzte er. “Du bist so weit gekommen! Aber ein Hindernis bleibt noch immer. Ich darf nur jene ehelichen, die mir die Sterne vom Himmel holt.”
Anmut strahlte über das ganze Gesicht. “Wenn nicht ich, wer könnte es dann, mein Liebster?”, rief sie aus und streckte sich empor. Sie machte sich so groß, wie sie konnte, pflückte ein paar der leuchtenden Funken vom Zelt der Nacht.
Die Sterne waren es, die sangen:
‘Oh je, oh je,
du tust uns weh!
Du nicht kehrst,
und dich nicht wehrst!
Du Riesin, du Riesin,
wirst verwiesen.”
Anmut reichte sie ohne ‘Wenn’ und ‘Aber’ dem König hinab, der sie sich sogleich und gierig auf seine Krone setzte.
Inzwischen waren die Boten von Meer und Land angekommen und hatten die Nachricht vom schrecklichen Chaos, das Anmut angerichtet hatte, verbreitet.
Das wütende Volk hasste die Riesin für ihre dummen Taten und griff zu Mistgabeln und Fackeln. Sie zogen zum Schloss und riefen: “Fort mit der Riesin! Keine Giganten mehr!”
Der mit Sternen besetzte König sah seine Chance und sprach: “Nur eines noch, Riesin … und wenn du das schaffst, dann heirate ich dich.”
“Was ist es?”, fragte sie voller Tatendrang.
Der König belächelte dies. “Das Volk - es muss seine Königin lieben! Aber sieh selbst.”
Als Anmut sich umdrehte und erkannte, dass dem nicht so war, begriff sie, was für eine gemeine List der König angewandt hatte. Sie fühlte sich trotz des vielen Essens und Trinkens plötzlich ganz kraftlos und klein.
Die Waffen der Menschen piekten ihre Füße und sie wich traurig zurück. Sie stieg über die Schlossmauer, fand nirgendwo im Land ein lächelndes Gesicht und es zog sie letztendlich in die von ihr erschaffene, trockene Wüste, wo niemand mehr sein wollte. Dort kauerte sie sich zusammen.
“Da siehst du nun, was du ihm bedeutest.” Es waren die Seele des Berges und die stürmische See in ihr, die sich in ihrem Bauch vereinigt hatten und zu ihr redeten. “Lass uns raus und wir zahlen es ihm bitterlich heim!”
Und die Riesin Anmut kam nieder und gebar einen Sohn.
Der neue Riese krabbelte zum Schloss zurück und richtete noch mehr Schaden und Zerstörung an, als seine Mutter es je getan hatte.
Er suchte den Mann, der der Riesin so weh getan hatte. Erst fand er ihn nicht, doch dann bemerkte er ein wundersames Leuchten im Schloss.
Als er den König fand, der sich feige unter seinem Thron versteckte, waren es die Sterne, die ihn verraten hatten. Der kleine Riese tat das, was seine Mutter schon längst hätte tun sollen: Er packte den König und biss ihm seinen listigen Kopf, mitsamt der Krone mit den Sternen ab. Seit dem befindet sich der Schädel mit seinem goldenen Haupt im Bauche des Riesen namens Wutan.
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