Die Prinzessin mit den grünen Haaren

Ganz nach der alten Sitte des Märchenerzählens war mal eine wunderschöne Königin.
Sie heiratete als junges Mädchen einen ebenso schönen König, der von einer Tümpelfee begehrt wurde. Diese Tümpelfee war so eifersüchtig, dass sie die Königin verfluchte.
Jener Fluch sorgte dafür, dass der Königin keine Kinder, sondern Kröten geboren wurden.
Aus Furcht vor dem Volke, das doch so abergläubisch war, wurden diese Kröten bei Nacht aus dem Schloss geschmuggelt und dorthin gebracht, wo Mutter Natur sich um sie kümmern konnte.
Doch Mutter Natur entging nicht, wie sehr ihre armen Insekten darüber klagten, nicht mehr sicher zu sein. So suchte sie das Königspaar eines Tages in Gestalt einer Frau mit wolkenweißen Haaren auf.
“Was ist Euer Begehr, Frau?”, fragte der König.
“Ich möchte mit Eurer Königin sprechen. Allein”, kamen die Worte mit grollendem Nachhall zurück und jeder, der an diesem Tage eine Bitte an das Königspaar richtete, erinnerte sich fortan an jene Begegnung.
“Warum dies?”, entgegnete der König. “Was kann meine Gemahlin für Euch tun, was ich nicht auch kann?”
Das wolkenweiße Haar wurde grau und kleine Blitze zuckten darin. “Nimm es so hin, König!”, donnerte Mutter Natur. “Vielleicht ist dies dein einziger Weg, einen Erben zu bekommen!”
Vor dem Hofe entblößt, schwieg der König. Der Königin war es vollkommen gleich, bemerkte sie jedoch, wie seltsam jene Frau sich gebarte.
So ordnete sie eine leise Übereinkunft an, ohne dass jemand es bezeugen konnte. Mutter Natur gab den Rat, die Königin solle einen Strauch Angelikakräuter über dem Herzen tragen, auf dass es sie vor dem Zorn der Tümpelfee schütze.
In neun Monden, in einer Silvesternacht, gebar die Königin ihr dreizehntes Kind: ein gesundes Mädchen, dessen Augen so golden wie die einer Kröte und deren Haare ebenso grün waren.
Doch dies war dem König und der Königin nicht genug. Das Mädchen durfte als Prinzessin im Schloss bleiben, aber sich stets nur mit goldbesticktem Häubchen zeigen.
Umso mehr genoss sie es, wenn sie alleine war, denn dann brauchte sie nichts zu verstecken.
Nun wurde sie aber älter und in jedem Menschenleben auf dieser Welt kommt einmal eine Zeit, in der man den Eltern nicht gehorcht. An ihrem Geburtstag sollte sie versprochen werden und sie fragte sich, wie könnte ein Mann sie lieben, wenn er doch nicht ihr hässliches Geheimnis kannte? Sie schämte sich, die Leute ihr Leben lang zu belügen.
Deshalb lief sie davon. Das ganze Schloss war so sehr in Vorbereitungen für die anstehenden Verlobungsfeierlichkeiten beschäftigt, dass sie den Hauptgrund, weshalb sie dies gerade taten, ganz vergaßen. Im Zimmer der Prinzessin blieb nur das golden bestickte Häubchen zurück.
Die grünen Locken fochten mit den Blättern des Waldes.
Unter einem Spinnennetz, das an einer Eibe hing, verschnaufte die Prinzessin, denn sie war den ganzen Weg geeilt, bis kein Mensch sie mehr erreichen konnte.
“Willst du mir mein Essen klauen?”, unkte es.
Die Prinzessin blickte umher, ratlos woher die Stimme gekommen war. Bis sie zu ihren Füßen eine Kröte entdeckte.
“Nein”, antwortete sie aufrichtig. “Ich raste nur.”
“Dann geh bei Seite. Die Spinne kommt nur dann heraus, wenn sich etwas in ihrem Netz verfängt.”
Die Prinzessin folgte den Worten der Kröte nicht, war sie doch froh, jemanden zum reden gefunden zu haben.
“Kannst du mir sagen, wo ich hier bin? Dieser Ort ist so sonderbar.”
“Du bist im Wald der Feen”, erklärte die Kröte mies gelaunt, als ob ihr der Magen knurrte. “Was machst du überhaupt hier? Du gehörst nicht hierher!”
“Ich weiß nicht”, klagte die Prinzessin. “Ich hatte gehofft, glaube ich …”
“Ah …”, verstand die Kröte und schien sie jetzt erst richtig anzusehen. “Ich kenne dich …”
“Du kennst mich?”, wiederholte die Prinzessin.
“Selbst ohne Krone bist du unverkennbar!”, rief die Kröte begeistert und hüpfte schwerfällig. “Nur leider wirst du nicht wissen, wer ich bin.”
“Und du bist wer?”, fragte sie.
“Ich bin dein älterer Bruder! Der erste von zwölf!”
Nun kann man sich vorstellen, dass das Betragen der Prinzessin darauf etwas anders war, als bisher. Ein mädchenhafter Schrei schreckte die Vögel ringsherum auf und das silberne Netz erzitterte. Die Spinne, die zuvor geschlafen hatte, seilte sich herab.
Der vermeintliche Prinz bemerkte dies und gratulierte sich innerlich. Er ließ seine Zunge hervorschnellen und die Spinne klebte an ihm fest.
Die Prinzessin starrte ihn an, als sei ihr ganzes Weltbild ins Wanken geraten. Aber je mehr sie darüber nachdachte, desto mehr wollte sie wissen.
“Meine Eltern erzählten mir nie, dass ich Geschwister habe”, sagte die Prinzessin.
“Wen wundert’s? Es geziemt sich nicht für ein Königspaar, Kröten zu ihrem Nachfolgern zu ernennen.”
“Aber bist du nicht furchtbar unglücklich deswegen?”
Es schien, als lachte ihr Bruder. “Ich? Unglücklich? Ich habe eine wunderschöne Kröte zur Frau genommen und Kinder habe ich, so viele kannst du gar nicht zählen, meine liebe Schwester! Und sie alle haben immer genug zu Essen, weil die Insekten und Würmer hier ebenfalls ein glückliches Leben führen! Nein, liebe Schwester, nein! Ich bin nicht unglücklich!”
Die Freude und der Stolz des Prinzen war ansteckend und trotzdem war die Prinzessin betrübt.
Sie erzählte, wie sie fortlief.
“Niemand mag sich gern auf ewig verstecken. Selbst ich hasse es, wenn die Störche in der Nähe sind.”
Die Prinzessin schüttelte bestätigend den Kopf.
“Ich für meinen Teil mag deine Haare sehr. Deine Augen sind wie meine! Findest du, dass ich mich zu verstecken brauche?”
Der Prinz richtete sich zu seiner vollen Größe auf, so dass die Prinzessin ihn in all seiner warzigen Pracht bewundern konnte.
“Ich bin aber ein Mensch”, sagte die Prinzessin wehmütig. “Ich mache mir Sorgen, dass niemand meine Haare mögen wird.”
Der Prinz quakte missbilligend. “Hat man’s dir tatsächlich so sehr eingegrünt, ja? Nun denn, vielleicht gibt es eine Lösung für dein Problem. Nicht weit von hier ist das Wasser der Tümpelfee. Vielleicht ist es Zeit, ihren Fluch zu brechen, damit das Krötenhafte von die abfällt.”
“Aber wie stelle ich das an?”
“Du wirst sie töten müssen. Sie hat schon lange ein vor Eifersucht verdorbenes Herz, dass niemand mehr in ihrem Tümpel wohnen will. Selbst wir Kröten ziehen es vor, woanders zu laichen. Dieses Gift wird dir von Nutzen sein.”
Der Prinz machte ein paar für Kröten unpassende Geräusche, bis er das Maul aufmachte und die Reste der Spinne mit seiner Zunge hervorstreckte. Die Prinzessin nahm ein Blatt von der Eibe, unter der sie standen und wickelte sie darin ein.
“Nun, dann mach’s mal gut, mein Schwesterchen. Geh des Nachts zu den Gewässern, dann schläft die Fee. Und hab ein bisschen mehr Selbstvertrauen.”
“Auf Wiedersehen, Bruder”, verabschiedete sie ihn und beobachtete, wie er im Gebüsch verschwand.
Die Prinzessin setzte ihren Weg in Richtung des Tümpels fort. Als sie ankam, flogen die Mücken um sie her. Es waren so viele, dass kein Moment verging, ohne dass sie gestochen wurde. Das Kratzen ihrer blassen Haut fand kein Ende. Wie sollte sie die Tümpelfee erreichen? Gehässig hörte sie die Mücken surren:
“Flirr, flurr, flirr,
wir machen dich kirr‘!
Flirr, flurr, flirr,
auf dass du dich verirr!”
Es waren so viele Stiche, dass ihre Haut brannte. Wäre sie doch nur eine Kröte, dachte sie. Dann könnte sie, sie mit ihrer Zungeverscheuchen.
SCHNAPP!
Es geschah wie von selbst, als es ihr eingefallen war. Das Schießen einer langen Zunge, die sie zuvor nie auf diese Art benutzt hatte, errettete sie vor den Insekten, die sofort auseinanderstoben und die Flucht ergriffen.
Keiner wagte es mehr, sie zu stechen, um von ihrem Blut zu trinken und der Weg war frei.
Doch wo war die Fee? Der Tümpel war so winzig! Nirgendwo war ein Haus oder dergleichen.
Die Prinzessin ließ sich am Ufer des Tümpels nieder und sann darüber nach, wie sie es anstellen sollte, die Fee zu vergiften.
Die Wolken verzogen sich. Silbernes Mondlicht schien auf die Lichtung des Tümpels herab. Die Prinzessin blickte auf das Wasser. Ihr Gesicht spiegelte sich darin und es mochte nur eine Sinnestäuschung der Dunkelheit sein, aber es sah beinahe so aus, als wären ihre Locken auf einmal golden und wunderschön.
“Flirr, flurr, flirr,
wenn du jetzt gehst erhältst du dies,
denn Vergiften ist ziemlich fies!”, surrten die Mücken und es war kein Unrecht. Die Prinzessin berührte mit ihrer Hand sehnsüchtig das Wasser. Im Ursprung wollte sie schön sein, um niemanden zu schrecken. Ihre Geschwister aber waren glücklich, so wie sie waren und hatten niemals irgendjemanden die Schuld dafür gegeben, keine Menschen zu sein. Vielleicht konnte das die Prinzessin ja auch?
“Nein, ich will keine goldenen Locken!”, sprach sie. “Wenn ich Gold auf dem Kopf haben wollte, dann bräuchte ich nur die Haube wieder aufzusetzen! Es wäre nichts anderes!
Ich will so akzeptiert werden, WIE ICH BIN!”
Die Prinzessin nahm das Eibenblatt mit dem Spinnengift und warf es fort.
‘Flirr, flurr, flirr,
ich danke dir!”
Die Mücken tanzten wieder. Sie surrten im Kreis. Aus ihnen formte sich eine wunderschöne Tümpelfee, obwohl sie genau wie die Prinzessin, grüne Haare hatte.
“Mich freut zu sehen, dass du anders sein wirst, als dein Vater es war. Er tat mir sehr weh und das solltest du spüren. Nun sehe ich aber, dass dies nicht mehr von Nöten ist.”
Das Brennen und Jucken auf der Prinzessin’ Haut verschwand. Das Gift der Mücken bewirkte stattdessen, dass ihre guten Eigenschaften gestärkt wurden. So sollten die grünen Haare niemanden mehr stören, sondern ein Teil der Schönheit der Prinzessin sein.
Die Eifersucht der Tümpelfee wurde durch die Prinzessin gemildert, so dass die anderen Tiere des Waldes sie fortan wieder gerne besuchten. Auch wenn sie nicht ganz vergangen war, denn die Liebe, sei sie auch noch so vergeblich, kann ewig währen.