Der Lehrling des Teufels

Es war noch gar nicht so lange her, da hatten ein Vater und eine Mutter zwölf Kinder. Sie waren sehr arm und irgendwann sagte der Mann zu seiner Frau, dass er keinen weiteren Nachwuchs mehr haben wollte.
Doch noch ehe der Mond wieder voll wurde, erkannte die Mutter, dass in ihr ein dreizehntes Kind heranwuchs. Aus Angst, ihren Mann ganz und gar zu verlieren, suchte sie in der Kirche um Rat. Der Priester riet ihr, das Kind zu bekommen und es sei eine große Sünde, ein solches Leben auszulöschen.
Da man ihr nicht das sagte, was sie hören wollte, kam der jungen Mutter eine seltsame und waghalsige Idee. Wenn es schon so sündhaft war, ein Kind wegmachen zu lassen, warum nicht gleich zum Teufel gehen?
So verschlug es sie an eine der vielen Pforten zur Hölle und klopfte, ehe sie es sich noch einmal überlegte. Der Teufel erahnte sie schon und ging persönlich zu ihr, hörte sich ihre Sorgen an.
“Ich werde das Kind nehmen und aufziehen”, sagte er. “Ohne Bedingung. Du beschreitest bereits den dunklen Weg, mehr kann ich nicht verlangen.”
Der Bauch der jungen Mutter wurde flach. Sie ging und war zufrieden.
Das Frühchen in des Teufels Armen schrie kein bisschen, war aber auch nicht tot, sondern wärmte sich an dessen Glut.
“Dann wollen wir mal ein Plätzchen für dich finden, Dreizehn”, gab ihm der Teufel seinen Namen und die Pforte zur Hölle schloss sich hinter ihnen.
Die Jahre zogen vorbei. Dreizehn wuchs und lernte vom Teufel, sich in der Hölle zurechtzufinden.
Der Gehörnte hatte von Anfang an erkannt, dass Dreizehn ein schlaues Kind werden würde, wenn man ihn hegte und pflegte.
Sieben dick gefüllte Bücher hatte ihm der Teufel also gegeben. Fünf davon waren mit den bösen Taten der Menschen gefüllt. Das sechste wurde mit jedem Tag dicker und dicker und bevor Dreizehn jenes nicht zu Ende las, durfte er nicht das siebte, das Buch der Welt aufschlagen, das den Weg zu Dreizehns Herkunft beschrieb.
So gab es Zeiten, da fluchte Dreizehn laut und deutlich, war er doch so neugierig auf das siebte Buch. Es gab auch Tage, an denen er das sechste gar niederlegte und nachdachte.
“Wie kann ich etwas beenden, das kein Ende kennt?’
So wanderte Dreizehn durch die Ödnis der Hölle, um die Antwort auf seine Frage zu finden.
Es war an einem besonderem Tag, da begegnete Dreizehn einem Piano. Es spielte ganz von allein und nicht weit davon tanzte ein bildhübsches Mädchen, leichtfüßig in einem winterweißem Kleid, als wäre sie der Wind.
Da Dreizehn irrtümlich dachte, es mache ihr Freude, sah er ihr erst einmal zu.
Doch das Mädchen, das zuvor die Augen geschlossen, öffnete die Lider. Dreizehn erschrak, denn da waren nichts als leere, finstere Höhlen.
“Wer da?”, fragte das Mädchen, das trotz allem nicht den Atem verlor. Das Piano spielte immerfort, sie tanzte weiter.
“Verzeih mir, Schöne. Mein Name ist Dreizehn. Ich wollt’ dich nicht stören.”
“Du scherzt wohl?”, fragte sie und lachte bitterlich.
“Warum sollte ich scherzen?”, entgegnete Dreizehn, der nicht verstand.
“Da ich niemals stehen bleibe, war ich schon überall. Und in all der Zeit ist mir nie solche Höflichkeit begegnet. Bist du gar durch Dummheit in die Hölle gelangt?”
“Ich bin schon hier, seit ich denken kann”, sprach Dreizehn. “Aber auf mir lastet keine Strafe, wie auf den anderen. Wie ist dein Name?”
“Blindetanz nennt man mich hier nur noch. Der Name ist gar Fluch zugleich”, antwortete sie und Dreizehns Erinnerung an die fünf Bücher über die bösen Taten kamen zurück. Blindetanz war das Mädchen, das ohne Beine geboren wurde und beim Teufel ihr Augenlicht gegen welche getauscht hatte, da jener Mitleid mit ihr hatte. Aber das Mädchen täuschte einem anderen Mann vor, der sie ansehnlich fand, dass sie gesund war und wurde von ihm zu einem Fest zum Tanzen eingeladen. Doch ohne ihr Augenlicht fand sie den Weg nicht hin und verirrte sich in die Hölle hinein. Als sie merkte, wohin sie die Beine getragen hatten, klaubte sie aus Wut ihre nutzlosen Augen heraus und warf sie in die Höllenglut. Die Beine abzuhacken, brachte sie nicht übers Herz.
Der Teufel, der Erbarmen mit ihr haben wollte, fragte sie, ob sie seine Frau werden wollte, damit sie es besser hatte. Doch selbst in jenen Umständen lehnte sie ihn und den Antrag ab.
Und des Teufels Worte lauteten, dass ihre Unzufriedenheit sie ruhelos machen sollte. So tanzte sie seitdem ewig und drei Tage und der Klang des Pianos, das der Teufel zur Demütigung aufgestellt hatte, verfolgte sie.
Dreizehn bewunderte ihren Stolz, der sie durchhalten ließ und ihre Grazie, die nach all der Zeit immer noch an ihr haftete. Auch er erbarmte sich ihrer.
“Wollen wir gemeinsam einen Weg aus der Hölle finden?”, fragte er.
“Das ist unmöglich! Ohne das Buch der Welt irren wir nur umher!”, sprach sie und drehte sich.
“Ich besitze das Buch der Welt!”, strahlte Dreizehn.
“Aber ich kann es nicht lesen!”, sprach sie und drehte sich.
“Und ich darf es erst lesen, wenn ich das andere beendet habe …”, meinte Dreizehn gar und lehnte sich an das Piano.
“Dann beende es doch!”, drängte Blindetanz und drehte sich.
“Aber wie, wenn es nachwächst?” Dreízehn war ratlos.
“Nicht weit von hier ist ein Bach. Werfe es hinein und die Tinte wird sich auflösen.” Und Blindetanz sprang.
“So ist’s! So will ich es tun!”, meinte Dreizehn und verabschiedete sich von ihr, um das Wasser zu suchen.
Doch dort angekommen, noch bevor Dreizehn ganz Schwung holen konnte, ergriff des Teufels glutende Hand seinen Puls. “Willst du nicht wissen, wie der Titel des Buches ist?”
Dreizehn erkannte, dass er diesen nie betrachtet hatte, weil er so damit beschäftigt war, auf das Ende zuzugehen. Er las auf dem Buch seinen Namen.
“Es ist das Buch deines Lebens”, erklärte der Teufel. “Wenn du es wegwerfen willst, dann nur zu …”
“Aber Blindetanz sagte mir …”
“Und du hörst auf jemanden, der so stolz und verbittert ist? Sie wusste, dass es dein Buch war und empfand nichts als Schadenfreude, als du gingst, um es zu Grunde zu richten.”
Dreizehns Herz wurde traurig, als er das hörte.
“Aber du bist nicht besser!”, sagte er. “Wenn ich das Buch nicht beende, bleibe ich. Wenn ich es beende, bleibe ich auch - oder nicht?”
“Das ist meine Aufgabe, seit jeher!” Der Teufel schien belustigt. “Oh Dreizehn, dein Leben begann doch nicht erst hier! Du warst so eilig mit dem Lernen und Lesen, dass du den Sinn des Anfangs nicht verstanden hast.”
Der Teufel verschwand wieder und ließ Dreizehn mit diesen Worten allein.
Er wartete eine Weile, dann schlug er die Seiten zurück und begann das sechste von Neuem. Jetzt, wo er wusste, um wen es in dem Buch ging, erkannte er, dass der Weg zum einen Höllentor bereits beschrieben war, durch das er als Frühchen getragen wurde.
Doch allein wollte er nicht gehen!
So lief er zurück zu Blindetanz, die weiter durch die Hölle schwebte, wie ein gefallener Engel. Er riss sie vom Boden herauf und trug sie, während ihre Beine weiter ins Leere zuckten und zappelten.
“Was machst du?
Was tust du?
Was lebst du?!”, zeterte sie, weniger lieblich als zuvor.
“Ich bringe uns jetzt nach Hause!”, sprach Dreizehn und ertrug die blauen Flecken, die Blindetanz’ Füße ihm zumuteten.
Als er sie über die Schwelle des Tores trug, erkannte Blindetanz, was Dreizehn für sie getan hatte. Zufriedenheit kehrte in ihr ein und ließ ihre Füße ruhen.
Und als die Zeit reif war, liebte sie ihn.