Lavendula


Es war einst eine gute Hexe, die lebte weitab von den Städten. Sie wohnte in einem Haus, das geformt war, wie ein Teekessel und immer, wenn der Schornstein rauchte, roch es wohlig nach Lavendel. Dies brachte ihr den Namen Lavendula ein, aber den Namen, den sie als Kind trug, hatte man schon längst vergessen.
Jeder in der Stadt flüsterte über sie, denn ihre Tat hatte den Menschen dort Glück gebracht.
Es hieß, es habe sie ein Wesen aus der Unterwelt besucht, als die Pest ausgebrochen war. Es hatte ihr für einen Kuss den Samen für das herrliche Kraut gegeben, dessen Duft ihnen allen das Leben rettete. Sie war es, die das Kraut jeden Tag in die Stadt brachte, um den Leuten den nötigen Schutz vor dem Tode zu bringen.
Doch das Wesen der Unterwelt war gierig und wollte Lavendula ganz für sich alleine haben und verschleppen.
Sobald es sich aber in Form einer schwarzen Katze mit blauen Augen zeigte, zauberte Lavendula sich und ihr Häuschen so klein, dass es zu einem richtigen Teekessel wurde und im hohen Gras nicht auffindbar war.
Erst beim fünften Mal, als der Hunger Lavendulas Magen drückte, rauchte und dampfte es aus dem Schornstein und das Wesen fand sie mit Leichtigkeit. So verwandelte es sich erbost in einen dunkel gekleideten Kaufmann und schleppte den Teekessel in die Stadt auf den Markt, um sich zu rächen. Lavendula wollte niemanden ängstigen und ließ den Verkauf ihres Häuschens geschehen, ohne zu fliehen.
Damit eine Weile lang niemand anderer, als der nächstbeste Händler den Teekessel erwarb, trat die Hexe um sich, um ihr Haus kräftig zu verbeulen. So verging also eine sehr lange Zeit, bis aber trotz all der äußerlichen Schäbigkeit, sich jemand dazu herab ließ, dem Teekessel ein neues Zuhause zu geben.
Es war der Knappe eines edlen Ritters, der schon viele Turniere bestritten hatte. Als er jedoch das Wasser heiß werden lassen wollte, wusste Lavendula sich zu helfen, bevor sie gar gekocht wurde und ließ den Knappen so manches Missgeschick passieren.
Weil es dem Ritter aber sehr nach seinem Tee verlangte und er sich nicht zu schade war, selbst die Hände zu rühren, ließ er seinen mittlerweile bemitleidenswerten Untergebenen eine andere Arbeit vollrichten. Weil die Hexe die Barmherzigkeit des Ritters erkannte und ihn schon bei vielen Gelegenheiten mutig das Schwert schwingen sah, rief sie aus dem Kessel heraus:
“Wenn du mich kühle lässt, so will ich dir einen Wunsch erfüllen!”
Der Mut des Mannes reichte aus, um nicht zurückzuschrecken. Er ergriff aber auch seine Gelegenheit und ließ sich seinen ersten Wunsch wahr werden.
Er wünschte sich, dass sein armer Knappe, von Lavendulas Zauberei geschunden, wieder gesunden möge.
Ganz verwundert, erfüllte sie den Wunsch und hatte für das Erste Ruh’.
Doch bald verlangte es dem Ritter erneut nach Tee und er wollte gerade das Wasser hineinschütten, da sprach Lavendulas liebliche Stimme: “Ich erfüll dir alles, solange es in meiner Macht liegt!”
Der Ritter, aufmerksam geworden, vergaß sein Verlangen und sprach: “Sag mir deinen Namen, wundersames Geschöpf.”
So nannte Lavendula ihm ihren richtigen Namen, den alten, den sie als Mädchen trug und den niemand mehr kannte.
Der Ritter ging durstig zu Bett, konnte aber die ganze Nacht nicht schlafen, wohl bewusst, dass ihm ein Weib ihren Namen gesagt hatte.
Auch Lavendula schlief diese Nacht nicht und auf einmal war sie ganz aufgeregt, denn der Ritter wollte sich einen Schlummertee zubereiten!
“Du weißt’s!”, rief sie laut und deutlich. “Ein erfüllter Wunsch, für mein Leben!”
“Ich wünsche mir, dass du aufhörst, dich zu verstecken”, sprach er sanft und gespannt zugleich.
Lavendula, die lange nicht so jemanden getroffen hatte, kletterte aus dem Teekessel und zauberte sich groß.
Der Ritter strahlte sie an, sah er doch ihr hübsches Gesicht und ihre Klugheit.
Lavendula lächelte nicht minder, wegen der guten Seele, die vor ihr stand.
Und es dauerte nicht mehr lange, dann wurde Hochzeit gehalten.