Das Lied der Silberpappel

Es war einmal die lieblichste Melodie der Welt.
Für jeden klang sie zwar ein bisschen anders, aber sie tauchte alles um sich herum in Harmonie und Frieden.
Und wenn zwei Wesen jemals die gleiche Musik vernahmen, so waren sie füreinander bestimmt!

Diese Musik stammte von einer Harfe aus Kristallglas, deren Schöpferin die weiße Spinne Elshade war. Jede einzelne Saite war ein Teil des Schicksalsfaden aus dem großen Netz, über das sie seit einer Ewigkeit wachte. Und so schien alles seine Ordnung zu haben.
Bis zu dem Tag, an dem die Waldnymphe Fayley sich auf den Weg zu Elshade machte. Sie wurde schon seit Monaten von einem Faun umworben, den sie nicht leiden konnte. Und angespornt durch die Geschichten, die sich um Elshades Harfe rankten, wollte Fayley unbedingt wissen: Wer war ihr Schicksal? Mit wem würde sie in Harmonie verbunden sein, wenn auch vielleicht nur zeitweilig?

Also stahl sie die Harfe.

In ihrem Wald zurückgekehrt, zupfte Fayley an den Saiten. Jeder Ton schwang mit dem Wind davon und brachte allen Wesen Glück und Einklang und auch die Liebe. Aber im Gegensatz zu Elshade war Fayley nicht sparsam mit ihren Weisen. Es gefiel ihr, die Musik selbst wählen zu können und andere Wesen mitsamt ihren Schicksalen zu verknüpfen und zu verflechten.
Was Fayley aber niemals gedacht hätte, war, dass ihre Musik ausgerechnet einen Menschen - einen Holzfäller erreichte, der am Rande des Waldes lebte. Und obwohl er ihre Freunde niederschlug, um sie für seine eigene Behaglichkeit zu verbrennen, war alles, was Fayley für ihn empfand, reine, bedingungslose und unendliche Liebe.

So hörte sie auf zu spielen, - weil sie endlich ihre Melodie gefunden hatte. Sie versteckte die Harfe in ihrem Wald, welcher fortan nur noch als der Forst der Klänge bekannt war. Niemand außer ihr wusste, wo das Instrument lag, aber jeder vernahm es, wenn er denn wahrhaft innig lauschte.
Der Holzfäller war betört von der schönen Fayley und ihrer Bemühung, ihm zu gefallen. Jeden Tag trafen sie sich, ohne dass die Nymphe ihm erzählte, woher sie in Wirklichkeit stammte und welche Art von Wesen sie sei.

Menschen fällen Bäume – schon seit Ewigkeiten.

Ein dem Holzfäller fremder und vermummter Reisender klopfte eines Nachts an dessen Tür. Er bat scheinbar um eine Unterkunft für die Nacht – und der Holzfäller war einverstanden. Schließlich war er stark und konnte sich im Notfall wehren. Der Reisende bedankte sich, indem er dem Holzfäller verriet, wo sich ein vergrabener Silberschatz verbarg. Dazu musste er nur eine bestimmte Pappel abholzen.
Silber bedeutete Reichtum, und der Holzfäller war so vernarrt in seine Waldnymphe, dass er ihr mehr, als nur seine Liebe bieten wollte. Er wollte sie in jeder Hinsicht versorgen und auf Händen tragen können. Und um dies möglich zu machen, ohne auch nur einen Funken Ahnung zu haben, wer ihm den Hinweis gegeben hatte, ging er in den Wald hinein und fällte die besagte Pappel, deren Blätter tatsächlich silbern anmuteten.

Bis zu jenem Moment glaubte er nicht an Märchen und Sagengestalten.
Aber nach der getanen Arbeit, lag plötzlich die Frau seines Herzens schwer verwundet zu seinen Füßen.
Sein Schrei ließ den ganzen Wald erzittern. Mit festem Druck umarmte er die gefällte Fayley, wiegte sie sachte und summte vor Qual ihre gemeinsame Melodie.

Es war schließlich die weiße Spinne Elshade, die jene Klage vernahm.
Sie erschien dem Holzfäller und verkündete ihm, dass nicht alles verloren war. Der Baumstumpf nämlich war geblieben und der Holzfäller müsse ihn und seine Wurzeln bloß ausgraben.

Der Holzfäller – der vermutete, dass er auf Silber stoßen würde, wenn er dem denn nachginge, wollte zunächst nichts dergleichen tun.
Er war erschöpft und fühlte, dass jeglicher Reichtum unverdient war.

Trotzdem forderte Elshade ihn ein weiteres Mal dazu auf, den Stumpf aus dem Erdreich zu lösen. Er würde es schon nicht bereuen.
Als der Holzfäller endlich grub, stieß er auf etwas, was tatsächlich wertvoller war: Geschützt und behütet, ins Erdreich eingebettet, lag dort, wo die Wurzel in einen Nabel überging, ein Baby.
Ein neues Leben, welches der Holzfäller getröstet mit sich nach Hause nehmen konnte.